Produktstrategie in der Immobilienwirtschaft: Bessere Entscheidungen für Software, Daten und Vertrieb

Sohib Falmz
Produktstrategie und Entscheidungsfindung
10.1.26
Produktstrategie in der Immobilienwirtschaft: Bessere Entscheidungen für Software, Daten und Vertrieb

Warum Produktstrategie in der Immobilienwirtschaft oft scheitert

Projektentwickler, Makler und Vertriebsverantwortliche treffen Software-Entscheidungen häufig unter Zeitdruck: ein neues Dashboard für den Abverkauf, ein Tool für die Bewertung, eine Integration zum CRM oder ein KI-gestützter Leadprozess. Das Problem ist selten die Technologie – sondern die fehlende, nachvollziehbare Produktstrategie. Ohne klare Leitplanken entstehen Insellösungen, Datenbrüche und Projekte, die zwar „live“ gehen, aber nicht in den Alltag passen.

Eine tragfähige Produktstrategie beantwortet drei Fragen, bevor Budget gebunden wird: Wofür bauen wir das (Geschäftsziel), für wen (Nutzer und Prozesse) und woran messen wir Erfolg (KPI/ROI). Der Rest – Architektur, Features, Anbieter – leitet sich daraus ab.

Schritt 1: Zielbild und Entscheidungsrahmen festlegen (statt Feature-Listen sammeln)

Viele Initiativen starten mit einer Wunschliste aus Vertrieb, Projektsteuerung, Geschäftsführung und externen Partnern. Das führt zu „Alles ist wichtig“. Besser ist ein kurzer, verbindlicher Entscheidungsrahmen:

  • Business-Ziel: z. B. schnellere Abverkaufszyklen, weniger manuelle Datenerfassung, höhere Lead-Qualität, bessere Forecasts.
  • Scope: Welche Prozesskette wird wirklich adressiert (z. B. Lead → Qualifizierung → Besichtigung → Reservierung → Notar)?
  • Constraints: DSGVO, IT-Sicherheitsanforderungen, vorhandene Systeme (CRM/ERP/DMS), Budget- und Zeitfenster.
  • Entscheider: Wer hat das letzte Wort? Wer liefert Input? Wer verantwortet Adoption im Team?

Praktischer Tipp: Formulieren Sie ein One-Pager-Zielbild mit maximal 10 Sätzen. Wenn das nicht gelingt, ist die Initiative noch nicht reif.

Anforderungen besprechen

Schritt 2: Nutzer, Rollen und „Moments that matter“ definieren

In der Immobilienpraxis arbeiten viele Rollen entlang eines Projekts: Akquise, Projektentwicklung, Vertrieb, Marketing, Finanzierung, externes Maklernetz, ggf. Property Management. Ein Tool wird nur akzeptiert, wenn es konkret Arbeit abnimmt und an den kritischen Stellen wirkt.

Bewährt hat sich die Fokussierung auf 3–5 „Moments that matter“, also Situationen, in denen Qualität und Geschwindigkeit entscheidend sind:

  • Lead-Qualifizierung: Wer wird wann kontaktiert, mit welchem Kontext und welcher Priorität?
  • Objekt-/Projektübersicht: Welche Einheiten sind verfügbar, reserviert, verkauft – und warum weichen Zahlen ab?
  • Preisentwicklung: Welche Preislogik gilt pro Bauabschnitt, und wie wird sie sauber dokumentiert?
  • Reporting: Welche Kennzahlen müssen wöchentlich/monatlich stimmen (Pipeline, Conversion, Verkaufsstand, Forecast)?
  • Freigaben: Wer genehmigt Preisänderungen, Exposés, Kampagnen, Reservierungen?

Wenn diese Momente klar sind, entstehen Anforderungen nicht als abstrakte Features („Wir brauchen KI“), sondern als konkrete Outcomes („Wir reduzieren die Zeit bis zum Erstkontakt auf unter 2 Stunden – mit nachvollziehbarer Priorisierung“).

Schritt 3: KPI, ROI und Messbarkeit so definieren, dass Entscheidungen leichter werden

„ROI“ wird in Softwareprojekten oft zu spät diskutiert. In der Immobilienwirtschaft lässt er sich jedoch meist pragmatisch annähern – auch ohne perfekte Daten. Entscheidend ist, vorab festzulegen, welche Kennzahlen als Erfolg zählen.

Beispiele für messbare KPI (praxisnah)

  • Vertriebsdurchlaufzeit: Lead bis Reservierung / Lead bis Notar (Median, nicht nur Durchschnitt).
  • Conversion: Lead → Termin, Termin → Reservierung, Reservierung → Notar.
  • Lead-Qualität: Anteil qualifizierter Leads, Anteil Dubletten, Anteil „nicht erreichbar“.
  • Datenqualität: Vollständigkeit von Einheitendaten, Anzahl manueller Korrekturen, Abweichungen zwischen Systemen.
  • Aufwandsreduktion: Stunden pro Woche für Reporting, Exposé-Updates, Statusabgleiche.

ROI-Logik, die sich bewährt

  • Umsatzhebel: schnellere Verkäufe, weniger Preisnachlässe durch bessere Steuerung, höhere Auslastung des Vertriebsteams.
  • Kostenhebel: weniger manuelle Datenarbeit, geringere Agentur-/Tool-Kosten, weniger Fehlerkosten durch konsistente Daten.
  • Risikoreduktion: DSGVO-konforme Prozesse, weniger „Excel-Schatten-IT“, nachvollziehbare Freigaben.

Wenn KPI und ROI-Logik stehen, wird Priorisierung einfacher: Features, die keine Kennzahl beeinflussen, sind „nice to have“ – nicht „must“.

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Schritt 4: Buy vs. Build vs. Customize – eine Entscheidungsmatrix für B2B

In Deutschland stehen Immobilienunternehmen oft zwischen Standard-Tools und Individualsoftware. Eine saubere Entscheidung vermeidet späteren Frust. Nutzen Sie eine einfache Matrix mit vier Kriterien:

  • Differenzierung: Ist der Prozess wettbewerbskritisch (z. B. Lead-Automation, Datenmodell für Projektvertrieb, Bewertung/Scoring)?
  • Integrationsgrad: Muss das System tief an CRM, Datenräume, ERP, BI, Portale, 3D/Visualisierung angebunden werden?
  • Change-Fähigkeit: Wie oft ändern sich Anforderungen (z. B. neue Vermarktungsmodelle, Partner, regulatorische Anforderungen)?
  • Time-to-Value: Brauchen Sie schnelle Wirkung in 8–12 Wochen oder ist ein längerer Aufbau realistisch?

Faustregeln:

  • Buy, wenn es ein etabliertes Standardproblem ist und Integrationen überschaubar sind.
  • Customize, wenn Standard passt, aber Datenmodell/Workflows angepasst werden müssen – und der Anbieter das sauber unterstützt.
  • Build, wenn Differenzierung und Integrationen entscheidend sind oder wenn Datenhoheit, Auditierbarkeit und Prozesslogik strategisch wichtig sind.

Wichtig: „Build“ heißt nicht „alles neu“. Oft ist ein API-first-Ansatz sinnvoll, bei dem Kernlogik, Datenmodell und Integrationen maßgeschneidert sind, während Standardkomponenten (z. B. Auth, CMS, Teile des CRM) genutzt werden.

Schritt 5: Datenstrategie als Fundament – ohne sie wird jedes Dashboard falsch

Dashboards und KI klingen attraktiv, scheitern aber regelmäßig an Datenproblemen: unterschiedliche Statusdefinitionen („reserviert“), widersprüchliche Einheitenlisten, fehlende Historien, manuelle Exporte. Produktstrategie muss deshalb eine Datenstrategie enthalten:

  • Single Source of Truth: Wo ist die Wahrheit für Einheiten, Preise, Status, Leads?
  • Begriffsdefinitionen: Einheit, Interessent, Lead, Termin, Reservierung – einheitlich und dokumentiert.
  • Historisierung: Preisänderungen, Statuswechsel, Kampagnenzuordnung – für Forecast und Lernkurven.
  • Integrationsprinzip: Ereignisbasiert (Events) vs. Batch-Import, Verantwortlichkeiten pro System.

Konkreter Takeaway: Wenn Sie nur eine Sache vor Projektstart tun, dann definieren Sie gemeinsam ein kleines Datenmodell für Einheiten und Leads inklusive Statuslogik. Das reduziert spätere Reibung dramatisch.

Schritt 6: KI und Automatisierung – sinnvoll entscheiden statt „KI um der KI willen“

KI im Vertrieb und in der Projektvermarktung kann echten Nutzen bringen – wenn der Einsatzpunkt richtig gewählt ist. Gute Einsatzfälle sind typischerweise hohe Wiederholung, klare Regeln und messbarer Output.

Bewährte KI-/Automations-Use-Cases

  • Lead-Scoring: Priorisierung nach Wahrscheinlichkeit und Dringlichkeit (mit nachvollziehbaren Signalen).
  • Next-Best-Action: Automatische Empfehlungen für Folgeschritte (Kontaktkanal, Timing, Inhalte).
  • Antwort- und Textassistenz: konsistente Kommunikation, schnellere Reaktionszeiten, weniger Copy-Paste.
  • Routing: Leads automatisch an Teams/Standorte/Partner verteilen, inkl. Regeln und Ausnahmen.
  • Monitoring: Frühwarnindikatoren (z. B. fallende Terminquote in einem Bauabschnitt).

Entscheidungskriterium: Governance

  • Transparenz: Können Sie erklären, warum ein Lead priorisiert wurde?
  • Kontrolle: Gibt es Freigaben, Schwellenwerte, manuelle Overrides?
  • Datenschutz: Datenminimierung, Zweckbindung, Löschkonzepte.

So vermeiden Sie, dass KI ein Black-Box-Projekt wird, das intern Misstrauen auslöst.

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Schritt 7: Sicherheit und DSGVO als Produktanforderung (nicht als Abnahmehürde)

Gerade bei Leadprozessen und Integrationen ist die DSGVO kein „später Check“, sondern Teil der Produktentscheidung. Praktische Punkte, die in die Anforderungsliste gehören:

  • Rechte & Rollen: wer darf was sehen (z. B. Maklerpartner vs. internes Team)?
  • Protokollierung: nachvollziehbare Änderungen an Preisen, Status, Kontakten.
  • Lösch- und Aufbewahrungskonzepte: automatisierte Fristen, Auskunftsfähigkeit.
  • Auftragsverarbeitung: klare Verantwortlichkeiten bei Dienstleistern und Subprozessoren.

Als Entscheidungsregel: Wenn Sicherheits- und Compliance-Anforderungen unklar sind, wird die Umsetzung später teurer – oder verzögert den Rollout.

Schritt 8: Umsetzung in 90 Tagen – ein pragmatischer Plan für Entscheider

Produktstrategie ist nur dann wertvoll, wenn sie in eine umsetzbare Roadmap übersetzt wird. Für viele Unternehmen funktioniert ein 90-Tage-Plan:

  • Woche 1–2: Discovery
    • One-Pager-Zielbild, Rollen, 3–5 Moments that matter
    • Datenmodell light (Einheiten, Leads, Status)
    • KPI-Set inkl. Messmethode
  • Woche 3–6: MVP
    • Ein Kernprozess Ende-zu-Ende (z. B. Lead → Qualifizierung → Termin)
    • Ein erstes Dashboard mit 5–8 KPI, die wirklich genutzt werden
    • Mindestens eine Integration, die manuelle Arbeit eliminiert
  • Woche 7–12: Stabilisierung & Skalierung
    • Qualitätssicherung der Daten, Rollen/ Rechte, Logging
    • Automationen/ KI dort ergänzen, wo der Prozess stabil ist
    • Rollout-Plan und Enablement (kurze Trainings, klare Verantwortliche)

Wenn ein MVP nach 6 Wochen keine messbare Entlastung bringt, liegt das Problem meist nicht im Code, sondern in Zielen, Daten oder Prozessdefinition.

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Checkliste: So treffen Sie bessere Produktentscheidungen (zum Mitnehmen)

  • Zielbild in einem One-Pager, inkl. Scope und Constraints
  • 3–5 Moments that matter statt 50 Feature-Wünsche
  • KPI vor Projektstart inkl. Messmethode und Verantwortlichkeiten
  • Buy/Build/Customize anhand Differenzierung, Integration, Change-Fähigkeit, Time-to-Value
  • Datenmodell und Statuslogik verbindlich definieren
  • DSGVO/Sicherheit als echte Anforderungen (Rollen, Logging, Löschkonzept)
  • 90-Tage-Plan mit MVP, der manuelle Arbeit reduziert oder Conversion verbessert

Wenn Sie diese Punkte konsequent anwenden, werden Software- und KI-Initiativen planbarer, Nutzen wird schneller sichtbar – und Entscheidungen werden für Stakeholder nachvollziehbar.

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