Produktstrategie in der Immobilienwirtschaft: So treffen Entwickler und Makler bessere Software-Entscheidungen

Sohib Falmz
Produktstrategie und Entscheidungsfindung
17.1.26
Produktstrategie in der Immobilienwirtschaft: So treffen Entwickler und Makler bessere Software-Entscheidungen

Warum Produktstrategie in der Immobilienbranche oft scheitert

Viele Digitalisierungsinitiativen in der Immobilienwirtschaft starten mit einer Lösung („Wir brauchen ein CRM“ oder „Wir brauchen ein Dashboard“), nicht mit einer Produktstrategie. Das führt zu Insellösungen, Medienbrüchen und Projekten, die zwar „live“ gehen, aber wenig Wirkung entfalten: Vertriebsteams arbeiten parallel in Excel, Projektleiter vertrauen dem Reporting nicht, und die Datenqualität sinkt weiter.

Eine solide Produktstrategie dreht die Reihenfolge um: erst Entscheidungslogik und Messgrößen, dann Technologie. Gerade bei Projektentwicklern und Maklern ist das entscheidend, weil Prozesse (Lead → Beratung → Reservierung → Notar → Übergabe) und Datenquellen (Portale, Website, Telefon, Exposés, ERP, DMS) stark verzahnt sind.

Der Kern: Von „Software auswählen“ zu „Wertströme steuern“

Produktstrategie bedeutet hier nicht „Feature-Liste“, sondern die Steuerung von Wertströmen: Welche Schritte erzeugen Umsatz, reduzieren Risiko oder beschleunigen Entscheidungen?

  • Wachstum: mehr qualifizierte Leads, höhere Abschlussquote, kürzere Verkaufszyklen
  • Transparenz: belastbare Projekt-/Unit-Daten, Status je Einheit, Forecast und Abverkaufsrate
  • Effizienz: weniger manuelle Datenpflege, weniger Rückfragen, automatisierte Nachverfolgung
  • Compliance: saubere Prozesse für Einwilligungen, Dokumentation, DSGVO-konforme Kommunikation

Wenn diese Wertströme klar sind, wird die Software-Entscheidung deutlich einfacher: Sie wird zu einer Frage der priorisierten Wirkung statt der lautesten Stakeholder-Meinung.

Schritt 1: Zielbild in 45 Minuten – die drei Ebenen

Ein praxistaugliches Zielbild lässt sich schnell strukturieren, wenn Sie drei Ebenen unterscheiden:

1) Geschäftsziele (Outcome)

  • „Abverkaufsquote je Projekt um X% steigern“
  • „Time-to-Response auf Anfragen unter Y Minuten“
  • „Forecast-Genauigkeit für Verkaufsumsatz pro Quartal verbessern“

2) Prozessziele (Output)

  • Einheitlicher Prozess von Lead bis Notartermin
  • Standardisierte Statusmodelle pro Einheit (frei/reserviert/notariell/übergeben)
  • Weniger Übergaben per E-Mail, mehr systemgestützte Aufgaben

3) Systemziele (Enabler)

  • Single Source of Truth für Projekt-/Einheiten-Daten
  • Schnittstellen zu Portalen/Website/Telefonie/ERP
  • Rollenkonzept, Rechte, Audit-Trail

Wichtig: Jedes Systemziel muss mindestens ein Prozessziel stützen – und jedes Prozessziel muss auf ein Geschäfts-/Outcome-Ziel einzahlen.

Anforderungen besprechen

Schritt 2: Entscheiden mit Daten – aber ohne Datenperfektion

„Wir können nichts messen, unsere Daten sind schlecht“ ist ein häufiger Blocker. Für Produktentscheidungen benötigen Sie jedoch nicht perfekte Daten, sondern entscheidungsrelevante Signale. Starten Sie mit wenigen Kennzahlen, die wirklich steuern:

  • Lead-Quellenmix: Anteil je Kanal, Kosten je qualifiziertem Lead
  • Geschwindigkeit: Zeit bis Erstkontakt, Zeit bis Besichtigung/Beratung
  • Pipeline-Qualität: Gründe für Absagen, Drop-off-Stellen, Reservierungsquote
  • Bestands-/Unit-Logik: Verfügbarkeit pro Einheit, Aktualität der Daten, Konflikte (Doppelreservierungen)

Praktischer Tipp: Definieren Sie pro Kennzahl eine Quelle, einen Owner und einen Aktualisierungsrhythmus. Ohne Verantwortlichkeiten wird jedes Dashboard zur Momentaufnahme ohne Vertrauen.

Schritt 3: Make-or-Buy richtig bewerten (ohne Glaubenskriege)

In der Immobilienbranche treffen häufig zwei Extreme aufeinander: „Wir kaufen eine Standardlösung und passen uns an“ vs. „Wir bauen alles selbst“. Eine bessere Entscheidungslogik ist eine nüchterne Bewertung entlang von vier Kriterien:

  • Differenzierung: Ist der Prozess ein Wettbewerbsvorteil (z. B. developer sales mit komplexer Unit-Logik) oder Commodity?
  • Integrationen: Wie viele Schnittstellen sind nötig, wie stabil sind diese, und wie kritisch ist Datenkonsistenz?
  • Geschwindigkeit: Was muss in 6–12 Wochen stehen, was kann später reifen?
  • Risiko & Betrieb: Sicherheitsanforderungen, DSGVO, Rollen/Rechte, langfristige Wartbarkeit

Ein häufig sinnvolles Muster ist „Standard dort, wo es reicht“ (z. B. Basis-CRM-Funktionen) und „Individual dort, wo Ihr Kernprozess leidet“ (z. B. projekt-/einheitenbezogene Dashboards, spezifische Automatisierungen, 3D-Visualisierung oder Datenmodelle).

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Schritt 4: Priorisieren wie ein Produktteam – auch ohne Produktabteilung

Viele Unternehmen entscheiden nach Bauchgefühl oder nach „wer am lautesten ruft“. Eine einfache, robuste Priorisierung für B2B-Real-Estate-Projekte ist ein Scoring aus vier Faktoren (1–5):

  • Wirkung: Einfluss auf Umsatz, Geschwindigkeit, Risiko
  • Reichweite: Wie viele Teams/Projekte/Einheiten profitieren?
  • Aufwand: Implementierungs- und Change-Aufwand
  • Abhängigkeiten: Datenmigration, Schnittstellen, Freigaben

Rechnen Sie nicht zu kompliziert. Entscheidend ist die Transparenz: Warum hat Feature A Vorrang vor Feature B? Das reduziert interne Reibung und beschleunigt Entscheidungen.

Merksatz: Was nicht priorisiert wird, wird implizit priorisiert – meist zugunsten kurzfristiger, nicht strategischer Aufgaben.

Schritt 5: Architekturentscheidungen, die später nicht teuer werden

In Immobilien-Use-Cases entstehen Kosten oft nicht durch Entwicklung, sondern durch spätere Anpassungen: neue Portale, neue Datenschutzanforderungen, neue Vertriebskanäle, neue Projektlogiken. Deshalb sollten Sie früh drei Leitplanken setzen:

1) Datenmodell vor UI

Wenn Einheiten, Gebäude, Projekte, Kaufinteressenten, Reservierungen und Dokumente nicht sauber modelliert sind, werden Dashboards und Automatisierungen unzuverlässig. Beginnen Sie mit einem konsistenten Kernmodell (inkl. Status, Historie, Verantwortlichkeiten).

2) API- und Integrationsfähigkeit

Planen Sie Schnittstellen als Produktbestandteil: Portal-Leads, Website-Formulare, Telefonie, Kalender, DMS/ERP. Jede manuelle Übertragung ist ein Qualitäts- und Compliance-Risiko.

3) Rechte, Rollen, Audit

Gerade bei Entwickler-/Maklerstrukturen mit externen Partnern sind klare Rollen essenziell: Wer darf was sehen/ändern? Können Sie Änderungen nachvollziehen? Das schützt vor Fehlern und stärkt das Vertrauen in Zahlen.

Schritt 6: Einführung als Entscheidungssystem – nicht als „Go-Live“

Die Einführung neuer Software scheitert selten an Technik, sondern an fehlender Entscheidungsroutine: Wenn Teams weiterhin über E-Mail/Excel steuern, bleibt das System leer oder widersprüchlich.

Bewährte Praxis für einen stabilen Rollout:

  • Ein klarer Prozess, ein System: Definieren, welche Schritte ausschließlich im System passieren (z. B. Reservierung, Statuswechsel, Dokumentenfreigabe).
  • Wöchentliche Steuerungsrunde mit Dashboard: Entscheidungen werden am gleichen Datenset getroffen.
  • „Definition of Done“ für Daten: Ein Lead ist erst dann „qualifiziert“, wenn Pflichtfelder erfüllt sind.
  • Schulung anhand realer Fälle: Nicht Features erklären, sondern typische Vorgänge abarbeiten.

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Typische Fallstricke (und wie Sie sie vermeiden)

  • Zu viele Ziele gleichzeitig: Starten Sie mit 1–2 Outcomes (z. B. Response-Zeit und Reservierungsquote).
  • Dashboard ohne Entscheidungsfrage: Jede Visualisierung braucht eine konkrete Frage („Welche Einheiten sind riskant, nicht abverkauft zu werden?“).
  • Automatisierung ohne Prozessklarheit: Erst definieren, wann ein Lead „heiß“ ist, dann automatisieren.
  • Integrationen zu spät: Wenn Datenquellen nicht verbunden sind, wird das System zur Doppelpflege.
  • Change unterschätzt: Rollen, Verantwortlichkeiten und neue Routinen gehören in den Projektplan.

Eine pragmatische Checkliste für Ihre nächste Entscheidung

  • 1) Outcome: Welches messbare Ergebnis soll in 90 Tagen besser sein?
  • 2) Prozess: Welche 3 Schritte im Funnel entscheiden darüber?
  • 3) Daten: Welche Felder/Quellen sind dafür zwingend, wer ist Owner?
  • 4) Build/Buy: Was ist Commodity, was ist Differenzierung?
  • 5) Release-Plan: Was ist in 6 Wochen nutzbar, was folgt iterativ?

Wenn Sie diese Punkte schriftlich beantworten, haben Sie eine belastbare Basis für Anbieter-Vergleiche, Budgetentscheidungen und interne Abstimmung.

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Fazit: Entscheiden Sie wie ein Produktteam – auch im Tagesgeschäft

Eine gute Produktstrategie in der Immobilienwirtschaft verbindet Geschäftsziele, Prozessdesign und Datenarchitektur. Sie reduziert Komplexität, macht Ergebnisse messbar und verhindert teure Umwege. Entscheidend ist nicht „die perfekte Software“, sondern ein Entscheidungssystem, das Wirkung priorisiert, Daten verlässlich macht und Integrationen von Anfang an mitdenkt.

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