Produktstrategie in der Immobilienwirtschaft: So treffen Entwickler und Makler bessere Software-Entscheidungen

Sohib Falmz
Produktstrategie und Entscheidungsfindung
11.1.26
Produktstrategie in der Immobilienwirtschaft: So treffen Entwickler und Makler bessere Software-Entscheidungen

Warum Produktstrategie in Immobilienprojekten über Erfolg oder Stillstand entscheidet

Viele Digitalisierungsinitiativen in der Immobilienwirtschaft scheitern nicht an der Technik, sondern an der Entscheidungslogik: Es wird zu früh über Features, Tools oder Anbieter gesprochen, bevor Ziele, Datenlage und Verantwortlichkeiten geklärt sind. Die Folge sind Insellösungen, doppelte Datenerfassung, geringe Nutzerakzeptanz – und am Ende unklare Wirtschaftlichkeit.

Eine belastbare Produktstrategie schafft hier Orientierung. Sie verbindet Business-Ziele (z. B. schneller verkaufen, bessere Preisfindung, weniger manuelle Arbeit) mit operativen Prozessen (Vertrieb, Projektsteuerung, Bewertung, Reporting) und technischen Leitplanken (Daten, Integrationen, Sicherheit).

1) Startpunkt: Entscheidungskontext sauber definieren

Bevor Sie Anforderungen sammeln, definieren Sie den Kontext. Das klingt banal, spart aber in der Praxis Wochen an Schleifen.

  • Wer entscheidet? Geschäftsführung, Vertrieb, Projektsteuerung, IT/Datenschutz, externe Partner.
  • Wofür? Neubauprojekt-Vermarktung, Bestandsportfolio, Maklerpipeline, Bewertungsprozesse, Reporting.
  • Bis wann? Projektmeilensteine (Baubeginn, Vertriebsstart, Notartermine), Reporting-Zyklen, Budgetfenster.
  • Welche Risiken sind kritisch? DSGVO, Datenqualität, Abhängigkeit von einzelnen Dienstleistern, Change-Aufwand.

Praktischer Tipp: Formulieren Sie einen einseitigen Entscheidungsrahmen („Decision Brief“), den alle Stakeholder abzeichnen. Er verhindert, dass sich das Projekt in Nebenzielen verliert.

Mini-Check: Woran Sie ein unklar definiertes Vorhaben erkennen

  • Es gibt viele Feature-Wünsche, aber kein messbares Ziel.
  • „Wir brauchen ein Dashboard“ – aber niemand kann sagen, welche Entscheidungen damit schneller oder besser werden.
  • „KI soll Leads bringen“ – aber ohne Definition, welche Lead-Qualität akzeptiert wird und wie Follow-up erfolgt.

Anforderungen besprechen

2) Von Zielen zu Use Cases: Priorisieren statt Wunschliste

In der Immobilienpraxis sind Anforderungen oft bereichsgetrieben („Vertrieb will X“, „Controlling will Y“). Eine Produktstrategie priorisiert nach Wertbeitrag und Umsetzbarkeit.

Bewährt hat sich eine Use-Case-Matrix mit zwei Achsen:

  • Business Impact: Umsatzhebel, Kostenreduktion, Risikoreduktion, Geschwindigkeit.
  • Lieferbarkeit: Datenverfügbarkeit, Integrationsaufwand, Prozessreife, Change-Aufwand.

Typische Use Cases (Auswahl), die sich in vielen Organisationen schnell rechnen:

  • Projekt-/Einheiten-Dashboard: Verfügbarkeit, Reservierungen, Preislisten, Fortschritt, Vermarktungsstatus.
  • Lead-Qualifizierung & Routing: automatische Zuordnung nach Projekt, Region, Budget, Interesse; Wiedervorlagen.
  • Bewertung/Marktpreis-Indikatoren: strukturierte Datenerfassung, Vergleichslogik, Revisionssicherheit.
  • Automatisierte Reportings: wöchentliche Vertriebs- und Projektberichte ohne Excel-Ketten.
  • 3D/Visualisierung: wenn sie nachweislich Abschlussquoten erhöht oder Beratungsaufwand senkt.

3) Daten entscheiden (fast) alles: Modell, Qualität, Ownership

Ob Dashboard, Automatisierung oder KI: Der Engpass ist meist nicht der Algorithmus, sondern die Datenbasis. Eine Produktstrategie muss daher früh beantworten:

  • Welche „Single Source of Truth“ gilt? CRM, ERP, Projektsteuerung, DMS – oder ein konsolidierter Datenlayer.
  • Welche Kernobjekte gibt es? Projekt, Gebäude, Einheit, Interessent, Kunde, Vorgang, Dokument, Preisstand.
  • Wer ist Daten-Owner? Verantwortlichkeiten für Pflege, Freigaben, Korrekturen.
  • Welche Datenqualität ist „gut genug“? Pflichtfelder, Dublettenregeln, Validierungen, Audit-Trails.

Merksatz: Wenn unklar ist, wer Daten korrigiert, wird jede Automatisierung zum Risiko.

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4) Integrationen als Produktentscheidung behandeln (nicht als „IT-Thema“)

In vielen Unternehmen wird Integration zu spät geplant. Dann entstehen Workarounds: Exporte, manuelle Importe, doppelte Pflege. Produktstrategie heißt hier: Integration ist Teil des Produkts.

Entscheiden Sie bewusst über:

  • API-Strategie: Welche Systeme müssen standardisiert angebunden werden (CRM, ERP, Marketing, Portale, BI)?
  • Ereignisse statt Dateien: Statusänderungen (Reservierung, Verkauf, Preisänderung) sollten automatisiert fließen.
  • Rechte & Rollen: Wer darf welche Daten sehen, exportieren, bearbeiten?
  • Versionierung: Preislisten, Grundrisse, Exposés brauchen nachvollziehbare Stände.

Praktischer Hinweis für Entscheider: Fragen Sie nicht nur „Kann es integrieren?“, sondern „Wie wird Integration betrieben?“ – inklusive Monitoring, Fehlerhandling und Verantwortlichkeiten.

5) Make-or-Buy richtig entscheiden: Standardsoftware, Individualsoftware oder Hybrid

Für Bauträger, Projektentwickler und Makler ist die zentrale Frage selten „Tool A oder B“, sondern die richtige Aufteilung zwischen Standard und individueller Differenzierung.

Ein pragmatisches Entscheidungsraster

  • Standard (Buy), wenn Prozesse weitgehend üblich sind und Differenzierung gering ist (z. B. Basis-CRM, DMS-Standards).
  • Individualsoftware (Make), wenn Ihr Wettbewerbsvorteil im Prozess liegt (z. B. projektübergreifende Einheitenlogik, kundenspezifische Freigaben, komplexe Preis-/Reservierungsregeln).
  • Hybrid, wenn Kernprozesse standardisiert bleiben, aber ein eigenes Daten-/Integrationslayer und spezifische Frontends nötig sind (Dashboards, Portale, 3D-Views).

Wichtig: Individualsoftware ist kein Selbstzweck. Sie lohnt sich, wenn sie Skalierung ermöglicht (mehr Projekte/Einheiten/Leads mit gleicher Mannschaft) oder Risiken reduziert (Revisionssicherheit, weniger Fehler, schnellere Entscheidungen).

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6) KI und Automatisierung: Entscheiden Sie über Prozesse, nicht über „KI“

„Wir wollen KI“ ist keine Anforderung. Eine tragfähige Entscheidung entsteht erst, wenn Sie den Prozess definieren, in dem Automatisierung wirkt – inklusive Verantwortlichkeiten.

Beispiele für sinnvolle KI-/Automations-Ansätze im B2B-Immobilienkontext

  • Lead Scoring: Bewertung von Anfragen nach Budget, Timing, Projektfit und Historie.
  • Follow-up-Automation: Erinnerungen, Aufgaben, Eskalationen bei ausbleibenden Rückmeldungen.
  • Text-Assistenz: standardisierte Exposé-Varianten, E-Mail-Entwürfe, Gesprächsnotizen – mit Freigabeprozess.
  • Dashboard-Automation: automatische Verdichtung von Vertriebs- und Projektständen, statt manuelles Reporting.

Entscheidungsfragen, die Sie vor KI klären sollten

  • Welche Entscheidung wird besser oder schneller? (z. B. „welcher Lead zuerst“, „welcher Preisstand“, „welches Projekt braucht Attention“)
  • Welche Daten dürfen genutzt werden? DSGVO, Zweckbindung, Aufbewahrung.
  • Wer trägt Verantwortung? Mensch-in-der-Schleife, Freigaben, Protokollierung.
  • Welche Fehlerrate ist akzeptabel? Und was ist der Fallback-Prozess?

7) ROI und Wirtschaftlichkeit: Messen, was im Alltag zählt

ROI-Betrachtungen scheitern oft, weil nur Entwicklungskosten betrachtet werden – nicht aber Betrieb, Change und Nutzen. Nutzen wird zudem zu abstrakt formuliert („Transparenz erhöhen“). Besser ist eine Kombination aus harten und weichen Kennzahlen.

Messbare Kennzahlen (Beispiele)

  • Time-to-Decision: Zeit bis zur Freigabe von Preisständen, Reservierungen, Reportings.
  • Manuelle Touchpoints: Anzahl manueller Schritte pro Lead oder pro Einheit (vorher/nachher).
  • Conversion-Kennzahlen: Anfrage → Termin, Termin → Reservierung, Reservierung → Notar.
  • Datenqualität: Dublettenquote, Pflichtfeld-Quote, Fehlerfälle pro Woche.
  • Durchlaufzeit: Lead-Eingang bis Erstkontakt; Dokumentenfreigabe bis Veröffentlichung.

Wenn Sie diese Kennzahlen vor Projektstart baseline’n, wird Entscheidungsfindung leichter: Sie sehen, ob das Produkt wirkt – und wo nachgesteuert werden muss.

8) Governance: Wer priorisiert, wer entscheidet, wer betreibt?

Produktstrategie endet nicht mit dem Launch. In der Immobilienwelt ändern sich Preise, Verfügbarkeiten, Vermarktungsstrategien und regulatorische Anforderungen kontinuierlich. Ohne Governance wird das System schnell „alt“.

Minimal-Setup, das sich bewährt

  • Product Owner (fachlich): priorisiert Use Cases nach Wertbeitrag, moderiert Konflikte zwischen Abteilungen.
  • Data Owner: definiert Datenstandards, Qualitätsschwellen, Freigaben.
  • Tech Owner: verantwortet Integrationen, Betrieb, Monitoring, Security.
  • Steering (monatlich): entscheidet über größere Prioritätswechsel, Budget und Risiken.

Entscheidend: Legen Sie fest, wie neue Anforderungen bewertet werden (Impact/Lieferbarkeit), damit „Sonderwünsche“ nicht das Produkt zerfasern.

9) Konkreter 30-Tage-Plan für bessere Entscheidungen

Wenn Sie gerade vor einer Tool- oder Build-Entscheidung stehen, hilft ein kurzer, strukturierter Sprint:

  • Woche 1: Decision Brief, Stakeholder, Ziele, Risiken, Erfolgskriterien (Baseline definieren).
  • Woche 2: 6–10 Use Cases erfassen, in Impact/Lieferbarkeit priorisieren, Top 3 auswählen.
  • Woche 3: Daten- und Integrationslandkarte (Systeme, Schnittstellen, Ownership, DSGVO-Check).
  • Woche 4: Lösungsoptionen vergleichen (Standard/Hybrid/Individual), grobe Aufwandsschätzung, Rollout-Plan.

Am Ende steht keine „perfekte“ Spezifikation, sondern eine belastbare Entscheidungsgrundlage: Was bauen oder kaufen Sie zuerst – und warum.

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Fazit: Gute Produktstrategie ist ein Entscheidungsprozess, kein Dokument

Für Projektentwickler, Bauträger und Makler zahlt sich Produktstrategie aus, wenn sie konsequent auf Entscheidungen ausgerichtet wird: Welche Use Cases bringen messbaren Wert? Welche Daten und Integrationen sind dafür nötig? Wie sichern Sie Betrieb, Qualität und Verantwortlichkeiten ab?

Wenn Sie Ihre nächste Software- oder Automatisierungsentscheidung strukturiert vorbereiten, sinkt das Risiko von Insellösungen – und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Dashboards, Integrationen, Automatisierung und KI im Alltag tatsächlich wirken.

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