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Praxis und Insights

Wenn eine Schätzung stimmt und trotzdem falsch liegt

Innosirius Redaktion··10 Min. Lesezeit
Wenn eine Schätzung stimmt und trotzdem falsch liegt

Was wir gemessen haben – und warum wir der Zahl vertrauten

Vor einer Entscheidung über die Datenhaltung eines Systems haben wir gemessen, bevor wir gerechnet haben. Das klingt selbstverständlich. Es ist es nicht.

Der Ausgangspunkt war konkret: 6.857 abgeschlossene Vorgänge, aufgezeichnet über 44,4 Tage. Kein Schätzwert, kein Durchschnitt aus Erfahrungswerten, kein Vergleich mit ähnlichen Projekten. Die Aufzeichnungen lagen vor, die Einträge waren vollständig, die Zeitspanne war lang genug, um Schwankungen zu glätten.

Was wir messen wollten, war der Platzbedarf: Wie viel Speicher belegt ein einzelner Vorgang im Durchschnitt? Die Antwort war 3,4 Kilobyte. Auch das keine Schätzung — jeder Eintrag war nachvollziehbar, der Wert ließ sich gegen die Rohdaten prüfen.

Dann kam die Hochrechnung. 44 Tage, 6.857 Vorgänge: das ergibt im Schnitt 147 Vorgänge pro Tag. Multipliziert mit 3,4 Kilobyte, hochgerechnet auf 30 Tage, ergibt das rund 21 Megabyte pro Monat. Bei einer geplanten Aufbewahrungsdauer von 90 Tagen: 63 Megabyte insgesamt.

Drei Größen waren jeweils einzeln geprüft:

  • Die Datenmenge pro Vorgang — gemessen, nicht geschätzt
  • Die Anzahl der Vorgänge über den Beobachtungszeitraum — aus dem tatsächlichen Bestand
  • Die geplante Aufbewahrungsfrist — eine bewusste, dokumentierte Entscheidung

Das Ergebnis von 63 Megabyte war nicht aus der Luft gegriffen. Es war das arithmetisch korrekte Ergebnis einer methodisch sauberen Messung. Die Zahl stimmte — im Rahmen der Daten, auf denen sie beruhte.

Dass wir ihr vertrauten, war deshalb kein Fehler im Urteil. Es war die naheliegende Folge sorgfältiger Arbeit. Eine Zahl, die überprüfbar ist und der Prüfung standhält, verdient Vertrauen. Das ist keine Schwäche des Vorgehens — das ist, wie Planung funktionieren soll.

Einen Tag nachdem wir die neue Funktion in Betrieb genommen hatten, lag die tatsächliche Datenmenge bei 5,3 Megabyte — pro Tag. Nicht pro Monat. Die Hochrechnung auf 90 Tage ergab 477 Megabyte. Statt der geschätzten 63.

Der Faktor war 7,6. Die Messung war nicht falsch. Der Zeitraum war es.

Die Zahl stimmte. Der Zeitraum war zu alt.

Das Problem war nicht die Rechnung. Die Rechnung war korrekt. Pro Anfrage wurden im Schnitt 3,4 Kilobyte gespeichert — das stimmte, und es stimmt immer noch. Wer das mit der Zahl der täglichen Anfragen multipliziert, kommt auf die richtige Summe.

Die Zahl der täglichen Anfragen war das Problem.

Sie stammte aus einem 44-tägigen Beobachtungsfenster. In diesem Fenster kamen täglich 147 Anfragen rein. Eine solide Basis — sechs Wochen sind kein Zufall, keine Ausreißer, kein Bauchgefühl. Wer eine Schätzung auf sechs Wochen Beobachtung stützt, arbeitet gründlich. Das ist der Moment, in dem man aufhört, die eigene Ausgangslage zu hinterfragen.

Nur hatte sich genau diese Ausgangslage verändert, bevor die Schätzung genutzt wurde.

Ein einzelner Prozess, der Leads automatisch vorqualifiziert, war in den Wochen nach diesem Fenster hochgefahren worden. Aus 147 Anfragen täglich wurden 1.622. Der Wert hatte sich nicht verdoppelt. Er hatte sich verelfacht.

Das Ergebnis: eine Schätzung von 0,70 Megabyte pro Tag. Ein tatsächlicher Messwert von 5,30 Megabyte. Faktor 7,6.

Was daran auffällt: Die Schätzung sah nicht aus wie eine Vermutung. Sie hatte ein konkretes Datum, eine konkrete Grundgesamtheit, eine sauber dokumentierte Methode. Wer sie gelesen hätte, hätte ihr vertraut — weil sie all das enthielt, was eine verlässliche Zahl enthält. Die Zeitspanne war nur falsch gewählt: Sie beschrieb eine Phase, die bereits vorbei war.

Wann ein Beobachtungsfenster zur Falle wird

Das ist keine Besonderheit von Softwaresystemen. Dasselbe passiert, wenn ein Makler seine durchschnittliche Abschlusszeit auf der Grundlage des Vorjahres kalkuliert — und das Vorjahr war ein ruhiges. Oder wenn ein Verwalter den Aufwand für Mieterwechsel schätzt, weil er die letzten acht Monate betrachtet, ohne zu wissen, dass ein größeres Objekt im Portfolio gerade in eine Phase hoher Fluktuation eingetreten ist.

Die Zahl war echt. Der Zeitraum war repräsentativ — für sich selbst. Er war es nicht mehr für die Gegenwart, in der die Schätzung verwendet wurde.

  • Eine Messung beschreibt immer nur den Zeitraum, in dem sie gemacht wurde.
  • Wenn sich die zugrunde liegende Aktivität verändert hat, verändert sich auch der Wert — auch wenn niemand die Schätzung angefasst hat.
  • Ein Beobachtungsfenster, das vor einem Anstieg liegt, sieht aus wie ein normales Fenster. Es unterscheidet sich äußerlich nicht von einem, das nach dem Anstieg liegt.

Die Schätzung war eine Extrapolation über einen Schwellenwert, den sie selbst nicht sehen konnte. Das ist der Teil, der sich schwer erkennen lässt — nicht weil die Methode schlecht war, sondern weil der Schwellenwert erst im Nachhinein sichtbar wird.

Extrapolation über eine Schwelle

Eine Hochrechnung arbeitet mit einer Annahme, die selten ausgesprochen wird: dass die Bedingungen, unter denen die Vergangenheit gemessen wurde, in der Zukunft noch gelten. Solange das stimmt, ist die Extrapolation ein nützliches Werkzeug. Sobald es aufhört zu stimmen, wird sie zur Falle.

Der konkrete Fall: Wir wollten wissen, wie viel Speicher ein bestimmtes System im laufenden Betrieb brauchen würde. Die Messung über 44 Tage ergab eine tägliche Datenmenge, die sich auf rund 21 MB pro Monat hochrechnete. Die Zahl schien belastbar — 44 Tage Laufzeit, reale Nutzung, kein Schätzwert. Sie war trotzdem falsch, um den Faktor 7,6. Gemessen wurden 159 MB im ersten vollen Monat.

Was wir übersehen hatten: Der Messzeitraum war kein stabiles Plateau. In den Wochen vor der Hochrechnung hatte die Nutzung begonnen, stark zu steigen — eine Anwendung, die im Messzeitraum noch selten eingesetzt worden war, lief inzwischen mit voller Last. Der Durchschnitt über 44 Tage war noch von den alten, niedrigen Werten geprägt. Der aktuelle Stand war bereits ein anderer.

Das Ergebnis: Die Schätzung pro Einheit stimmte. Der Wert pro Anfrage war korrekt berechnet, auf den Cent genau. Was stieg, war die Zahl der Anfragen selbst — von rund 147 pro Tag auf über 1.600. Mehr als das Zehnfache. Eine Hochrechnung, die auf dem Mittelwert der alten Rate basierte, konnte diese Schwelle nicht sehen, weil die Schwelle im Messzeitraum bereits überschritten worden war, ohne dass sich das im Durchschnitt zeigte.

Was an diesem Muster typisch ist

Das ist kein technisches Sonderproblem. Wann immer eine Planung auf historischen Mittelwerten aufsetzt, stellt sich dieselbe Frage: Repräsentiert dieser Mittelwert die Lage heute — oder mittelt er über einen Zeitraum, in dem sich die Lage bereits verändert hat?

  • Ein Makler schätzt seine Bearbeitungszeit pro Anfrage auf Basis eines Monats, in dem er ausschließlich Bestandsimmobilien bearbeitet hat. Im nächsten Quartal kommen Neubauprojekte dazu, die dreimal so aufwendig sind. Die alte Zahl ist nicht falsch — sie beschreibt nur eine vergangene Zusammensetzung.
  • Ein Verwalter kalkuliert den Aufwand pro Einheit aus einem Jahr mit stabiler Mieterstruktur. Dann ändert sich die Fluktuation, und der Aufwand steigt, ohne dass die alte Zahl einen Hinweis darauf enthält.
  • Eine Inhaberin plant die Kapazität ihres Teams auf Basis eines Quartals, das einen ruhigeren Monat enthielt. Die Zahl erscheint gemessen. Sie ist es — aber an einer bereits vergangenen Lage.

In all diesen Fällen stimmt die Rechenmethode. Was fehlt, ist die Frage, ob der Zeitraum, aus dem gemessen wurde, die aktuelle Situation überhaupt noch abbildet. Ein Durchschnitt ist kein Spiegel der Gegenwart. Er ist ein Mittelwert über das, was war — und je stiller sich eine Veränderung im Hintergrund aufgebaut hat, desto länger sieht die Zahl aus wie eine verlässliche Grundlage.

Eine Hochrechnung über eine solche Schwelle sieht aus wie eine Prognose. Sie ist keine. Sie ist eine Verlängerung von gestern in ein Morgen, das sich schon verändert hat — und das Gefährliche daran ist nicht, dass sie unplausibel wirkt, sondern dass sie plausibel wirkt.

Wenn Planungsgrundlagen kippen

Eine Kalkulation stimmt so lange, wie ihre Prämissen gelten. Das klingt trivial. Es ist es nicht, weil Prämissen selten explizit benannt werden — sie stehen nicht in der Tabelle, sie sind die Tabelle.

Nehmen wir ein Beispiel, das viele kennen: Ein Maklerbüro kalkuliert seinen Personalbedarf auf Basis der Anfragen der letzten zwölf Monate. Die Zahl ist real, sorgfältig erhoben, plausibel. Was die Zahl nicht enthält: dass ein großer Wettbewerber den Markt verlassen hat, dass sich die Nachfrage in einem bestimmten Segment in den letzten Wochen verdoppelt hat, dass ein Neubaugebiet erschlossen wurde. Keiner dieser Faktoren ist geheim. Aber keiner ist in der Zahl.

Die stille Entwertung

Planungsgrundlagen kippen selten laut. Es gibt keinen Moment, in dem eine Tabelle aufleuchtet und signalisiert, dass die Annahmen darunter nicht mehr gelten. Der Rückstand zeigt sich erst, wenn Pläne nicht aufgehen — wenn die Kapazität nicht reicht, obwohl die Rechnung stimmte, wenn die Kosten höher sind als kalkuliert, obwohl die Preise unverändert blieben.

Das ist kein Fehler im Denken. Es ist eine strukturelle Eigenschaft jeder Planung: Sie beschreibt einen Zustand, keine Bewegung. Sobald sich die Grundbedingungen verschieben, ist die Beschreibung veraltet — und niemand hat den Schalter umgelegt.

Was das für Entscheidungen bedeutet

Für Menschen, die auf Basis von Zahlen entscheiden — Verwalter, die Instandhaltungsbudgets planen, Gutachter, die Bewertungsgrundlagen prüfen, Unternehmerinnen, die Preislisten kalkulieren — ergibt sich daraus eine konkrete Frage: Wann wurde die Grundlage dieser Zahl zuletzt überprüft, nicht die Zahl selbst?

  • Ein Mietpreisspiegel aus dem Vorjahr bildet nicht ab, was sich in den letzten Quartalen verschoben hat.
  • Eine Kostenkalkulation, die auf Einkaufspreisen von vor achtzehn Monaten basiert, ist heute eine andere Rechnung.
  • Eine Markteinschätzung, die aus einem stabilen Zeitraum stammt, sagt wenig über einen Markt im Wandel.

Die Zahlen selbst sind korrekt. Was sich verändert hat, ist der Boden, auf dem sie stehen. Das ist der Unterschied zwischen einer falschen Zahl und einer überholten Annahme — und er entscheidet, wo man bei der Überprüfung ansetzt.

Eine Schätzung, die in dem Moment, in dem sie entstand, vollständig korrekt war, kann heute falsch liegen — ohne dass irgendjemand einen Fehler gemacht hat. Das ist unbequem, weil es bedeutet, dass Sorgfalt allein nicht ausreicht. Sorgfalt zum richtigen Zeitpunkt ist die eigentliche Anforderung.

Die Frage, die eine Zahl nicht stellt

Eine Messung beantwortet die Frage, die jemand gestellt hat. Nicht mehr. Sie beantwortet nicht, ob der Zeitraum, aus dem sie stammt, noch gültig ist. Sie meldet sich nicht, wenn sich etwas verändert hat. Sie schweigt dazu — still und vollständig korrekt.

Das ist keine Schwäche von Messungen. Es ist ihre Natur. Eine Zahl kennt ihren eigenen Entstehungskontext nicht. Sie weiß nicht, dass danach ein Artikel erschienen ist, der Aufmerksamkeit gebracht hat. Dass ein Großkunde abgesprungen ist. Dass sich die Nachfragelage in einer Branche gerade verschoben hat, weil sich Zinsen, Bestand oder Informationsgewohnheiten verändert haben. Die Zahl sitzt ruhig an ihrem Platz und sagt nichts davon.

Was bleibt, ist die Person, die mit ihr plant. Und die muss eine Frage stellen, die die Zahl von sich aus nie stellen wird: Wann war das?

Was diese Frage sichtbar macht

Die Frage nach dem Wann ist keine Kontrollfrage. Sie ist die eigentliche Frage. Sie öffnet den Blick dafür, was zwischen der Messung und dem Moment der Planung passiert sein könnte — und ob dieses Dazwischen für die Entscheidung, die gerade getroffen werden soll, überhaupt eine Rolle spielt.

Ein Makler, der aus den Zahlen des Vorjahres ableitet, wie viele Besichtigungen er pro Angebot einplanen muss, hat eine Grundlage. Aber er hat noch keine Antwort auf die Frage, ob sich das Suchverhalten in seinem Segment seither verändert hat — ob Interessenten heute früher absagen, später entscheiden oder anders suchen als noch vor zwölf Monaten. Die Zahl aus dem Vorjahr ist korrekt. Ob sie noch trägt, weiß die Zahl nicht.

Dasselbe gilt für Kostenschätzungen in der Verwaltung, für Auslastungserwartungen im Handwerk, für Buchungsvolumen in der Gastronomie. Überall dort, wo aus vergangenen Zeiträumen auf künftigen Bedarf geschlossen wird, sitzt dieselbe stille Annahme: dass nichts Wesentliches dazwischen passiert ist.

Die Annahme, die sich nicht zeigt

Das Gefährliche an dieser Annahme ist nicht, dass sie falsch ist. Sie ist oft richtig. Die meisten Wochen ähneln der Vorwoche. Die meisten Monate tragen die Muster der vorangegangenen. Deswegen funktioniert Planung aus Erfahrung über lange Strecken gut — und deswegen wird die Frage seltener gestellt, als sie gestellt werden sollte.

Sie zeigt sich erst, wenn die Lücke zwischen Messung und Wirklichkeit groß genug geworden ist, um aufzufallen. Bis dahin sieht eine Planung, die auf veralteten Grundlagen beruht, genauso aus wie eine, die auf aktuellen beruht. Beide wirken begründet. Beide haben eine Zahl dahinter. Der Unterschied liegt nicht in der Zahl — er liegt in der Frage, die niemand gestellt hat.

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